625 Jahre

Seit 625 Jahren thront die evangelische Kirche über Eisemroth. Wie viele Menschen haben in vielen Jahrhunderten seit 1395 in dieser Kirche gebetet, gesungen, Gottes Wort gehört, Schuld gebeichtet, geklagt und geweint oder aber Lob und Dank mitgebracht. Sie heirateten hier und ließen ihre Kinder taufen. Sie feierten Konfirmation. Sie betrauerten ihre Verstorbenen.
Bergleute und Bauersfamilien, Mägde und Handwerker – sie alle kamen vor Gott zusammen und wurden getröstet, zurechtgewiesen, gesegnet.
Auch ich komme immer gerne in die Evangelische Kirche in Eisemroth. Schon von außen zeigt sie mir: Hier bist du geborgen! Eine Besonderheit: Wenn ich auf der Kanzel stehe, schaue ich direkt aufs Glaubensbekenntnis. Und ich spüre immer sehr deutlich: Hier können Menschen Gott begegnen. Hier wird das Evangelium von Jesus Christus verkündigt in Worten, Musik und Bildern. Hier versammelt sich die betende Gemeinde, die sich von Gottes Geist verändern lassen will.
Wir binden uns in die 625-jährige Geschichte dieses Gotteshauses ein – immer dann, wenn wir diese Kirche betreten. Wir verbinden uns mit denen, die vor uns hier lebten, und mit denen, die nach uns hier glauben werden. Und wir vertrauen uns gemeinsam der Güte und Barmherzigkeit unseres Gottes an.
Ich wünsche der Evangelischen Kirchengemeinde Siegbach und allen Gästen ein erfülltes Jubiläum mit vielen anregenden Begegnungen und wohltuender Nähe zu unserem Gott!

Ihre Annegret Puttkammer
Pröpstin für Nord-Nassau


Liebe Siegbacherinnen und Siegbacher,

625 Jahre Kirche in Eisemroth! Meine erste Reaktion: „Das ist schon 25 Jahre her?“ Dann der Griff ins Bücherregal: „600 Jahre Kirche in Siegbach 1395-1995“ steht da schwarz auf blassgelb auf der Festschrift. Damals hatte ich noch das Vorwort für die Festschrift geschrieben, nun darf ich mich also an einem Grußwort versuchen. Ein Gefühl der Wehmut beschleicht mich, und es stehen mir sofort Menschen vor Augen, die nach 25 Jahren nicht mehr in ihrem damaligen Amt oder sogar verstorben sind.

25 Jahre, genau ein Fünfundzwanzigstel von 625 Jahren! Ich erinnere mich daran, dass 1995 eine Art „Reformjahr“ für die Evangelische Kirchengemeinde Siegbach war: Damals wurde der regelmäßige Kassetten-Aufnahmedienst für Gottesdienste in der Eisemrother Kirche eingeführt, in der Osternacht entzündeten wir erstmals eine Osterkerze, die Feier des Abendmahls (mit Einzelkelchen und Traubensaft) fand nach der Predigt und nicht wie bisher im Anschluss an den Gottesdienst statt. Zum Bergmannsgottesdienst besuchte uns der damalige Kirchenpräsident Peter Steinacker, Clemens Bittlinger gab ein Jugendkonzert und unser Gemeindefest rund um die evangelische Kirche endete mit einer Schlussandacht in der katholischen Kirche. Pfarrer Wolfgang Robert Weil war damals bereits zehn Jahre in Siegbach. Wir erfanden das „Wunschkonzert“, fuhren mit Jugendlichen zum Kirchentag nach Hamburg und weihten die Räume des Weltladens im ersten Stock des Eisemrother Gemeindehauses ein. Ach ja: Zum Erhalt des Buß- und Bettages als gesetzlichen Feiertag sammelten wir damals stolze 668 Unterschriften.

Wie gesagt: Wehmut! Und ich frage mich: Wie wird es wohl denen gehen, deren persönlicher Rückblick noch eine viel größere Zeitspanne umfasst? Werden sich da nicht neben aller Nostalgie auch die schmerzlichen Erfahrungen des Verlustes von Vergangenheit finden?

Als regelmäßiger Leser des Siegbacher Gemeindebriefes weiß ich, dass es weitergegangen ist: „Meine“ Täuflinge haben inzwischen geheiratet, „meine“ Konfirmanden dürfen nun die Konfirmation ihrer eigenen Kinder erleben, „meine“ Brautpaare feiern silberne Hochzeit. Der Blick darauf weckt Demut in mir.

Heute haben die Siegbacher eine engagierte Pfarrerin, die mit einem immer noch großen Team Ehren- und Nebenamtlicher die Evangelischen in Siegbach begleitet und leitet. Die Kirchengemeinde lebt, und Leben bedeutet Veränderung, und die ist sogar gottgewollt. Deshalb ist mir um die Zukunft nicht bange. Also: Nur Mut! Auch in 25 Jahren wird es im Siegbachtal Christenmenschen geben, die von Gott begeistert ihren Glauben leben.

Mögen Sie alle aus der Vergangenheit Weisheit schöpfen und in der Gegenwart genug Gründe finden, auf die Zukunft Ihrer Kirchengemeinde zu hoffen. Deren Herr bleibt bei allem Wechsel – gestern und heute und in alle Ewigkeit – derselbe: Jesus Christus.

Es grüßt Sie in bleibender Verbundenheit,
Ihr ehemaliger Pfarrer Uwe Handschuch.